Information für Berater:innen

Warum ein eigener Bereich für medizinische und psychosoziale Berater:innen?

Wir stellen immer wieder fest, dass viele medizinische / psychosoziale Berater:innen gegenüber dem Thema Peer-Beratung eine ablehnende Haltung haben:

„Schicken Sie mir bitte keine Flyer mehr. Meine Patientinnen wollen das nicht.“ (Gynäkologe)

„Je nach Ausrichtung der Selbsthilfegruppe sind diese Vorbehalte teilweise ja auch berechtigt. Auf diesem unübersichtlichen Markt tummeln sich sehr hilfreiche Gruppen und auch solche, die massive negative Auswirkungen bis hin zur Retraumatisierung auf die Betroffenen haben.“ (Babylotsin in einem Krankenhaus)

Solches Feedback trifft uns, die seit Jahren als Peer-Berater:innen hilfreiche Arbeit leisten, sehr. Insbesondere dann, wenn Ratsuchende nur auf Umwegen zu uns finden, selbst dann, wenn wir die betreuende Praxis eigentlich mit Kontaktdaten / Infoflyern zu unserem Angebot versorgt hatten.

Wir möchten in diesem Bereich zu einigen Themen, die an uns herangetragen wurden, Stellung nehmen. Falls Sie weitere Fragen zum Thema Peer-Beratung nach auffälliger pränataler Diagnostik haben, schreiben Sie uns gerne eine E-Mail oder kontaktieren Sie uns telefonisch.

Über Vorurteile und Paternalismus

Oft wird die Sorge geäußert, dass Peer-Berater:innen womöglich versuchen würden, Schwangere und ihre Partner:innen zu überreden, sich gegen einen Schwangerschaftsabbruch zu entscheiden. Alle Peer-Berater:innen beraten ergebnisoffen: Die Entscheidung für oder gegen die Fortsetzung der Schwangerschaft trifft immer die Schwangere. In den meisten Fälle wissen wir am Ende des Gesprächs nicht, wie die Schwangere / das Paar sich entscheiden wird. Oft erfahren wir die Entscheidung auch nie.

Wir akzeptieren die individuelle Entscheidung, egal wie sie aussieht. Wir wissen jedoch aus eigenem Erleben, dass sich mit der Diagnose das Wunschkind schlagartig in eine „Ansammlung potenzieller gesundheitlicher Probleme“ verwandelt. Viele empfinden den Fötus ab dem Moment der Diagnose als Fremdkörper, empfinden Scham, wurden bei der Diagnoseübermittlung mit verstörenden Sätzen konfrontiert – all diese Gefühle haben ihre Berechtigung. Neben emotionalen Themen geht es oft um ganz praktische Fragen wie: Können wir jemals wieder in Urlaub fahren? Werden wir unsere Berufe ausüben können? Viele dieser Fragen sind irrational, vor dem Hintergrund der weit verbreiteten Vorurteile gegenüber Menschen mit sogenannter geistiger Behinderung aber für uns nachvollziehbar. Wir können hier ehrlich von unserem Alltag berichten. Von Herausforderungen aber auch dem ganz normalen Familienleben. Wir können die Frage nach den benötigten Ressourcen ehrlich beantworten und auf Unterstützungsangebote hinweisen.

Häufig wird die Befürchtung geäußert, dass auf die Schwangeren Druck ausgeübt wird, indem beispielsweise ungefragt Familienfotos geschickt oder die eigenen Kinder in die Beratungssituation miteinbezogen werden. Das Gegenteil ist der Fall! Unsere Kinder haben Persönlichkeitsrechte, deren Wahrung uns sehr wichtig ist. Es gab schon Situationen, in denen Ratsuchende enttäuscht waren, bei der Beratung kein Kind mit Down-Syndrom angetroffen zu haben. Unsere Kinder sind aber keine „Schau-Objekte“, die vorgeführt oder gar instrumentalisiert werden.

Ebenfalls häufig gehört haben wir, dass Ärzt:innen nur Schwangeren / Paaren das Angebot einer Peer-Beratung nahelegen, bei denen sie sich recht sicher sind, dass sich die Schwangere / das Paar für eine Fortsetzung der Schwangerschaft entscheiden wird. Ärzt:innen begründen dies damit, dass sie die Beratenden schützen wollen.  Diese paternalistische Haltung kritisieren wir entschieden. Wer nicht bereit ist, jede individuelle Entscheidung zu akzeptieren, sollte unserer Auffassung nach keine Peer-Beratung nach auffälligem pränatalem Befund anbieten!

Chancen und Grenzen der Peer-Beratung

In den meisten Fällen stellt die Peer-Beratung für die Ratsuchenden eine Chance dar, ihre Gedanken und Gefühle auszusprechen, Fragen zum Alltag zu stellen, Wissenslücken zum Thema „Leben mit Behinderung“ zu schließen, eigene Vorurteile zu hinterfragen, um so eine breite Basis an Informationen zu haben, um eine Entscheidung treffen zu können.

Nur in wenigen Fällen kommt ein Peer-Beratungsgespräch nicht zustande oder muss abgebrochen werden, zum Beispiel wenn die Chemie überhaupt nicht stimmt oder wir uns ernsthafte Sorgen um die psychische Verfassung der Ratsuchenden machen. In diesen Fällen verweisen an andere Peer-Berater:innen bzw. professionelle Hilfe.