Über Vorurteile und Paternalismus
Oft wird die Sorge geäußert, dass Peer-Berater:innen womöglich versuchen würden, Schwangere und ihre Partner:innen zu überreden, sich gegen einen Schwangerschaftsabbruch zu entscheiden. Alle Peer-Berater:innen beraten ergebnisoffen: Die Entscheidung für oder gegen die Fortsetzung der Schwangerschaft trifft immer die Schwangere. In den meisten Fälle wissen wir am Ende des Gesprächs nicht, wie die Schwangere / das Paar sich entscheiden wird. Oft erfahren wir die Entscheidung auch nie.
Wir akzeptieren die individuelle Entscheidung, egal wie sie aussieht. Wir wissen jedoch aus eigenem Erleben, dass sich mit der Diagnose das Wunschkind schlagartig in eine „Ansammlung potenzieller gesundheitlicher Probleme“ verwandelt. Viele empfinden den Fötus ab dem Moment der Diagnose als Fremdkörper, empfinden Scham, wurden bei der Diagnoseübermittlung mit verstörenden Sätzen konfrontiert – all diese Gefühle haben ihre Berechtigung. Neben emotionalen Themen geht es oft um ganz praktische Fragen wie: Können wir jemals wieder in Urlaub fahren? Werden wir unsere Berufe ausüben können? Viele dieser Fragen sind irrational, vor dem Hintergrund der weit verbreiteten Vorurteile gegenüber Menschen mit sogenannter geistiger Behinderung aber für uns nachvollziehbar. Wir können hier ehrlich von unserem Alltag berichten. Von Herausforderungen aber auch dem ganz normalen Familienleben. Wir können die Frage nach den benötigten Ressourcen ehrlich beantworten und auf Unterstützungsangebote hinweisen.
Häufig wird die Befürchtung geäußert, dass auf die Schwangeren Druck ausgeübt wird, indem beispielsweise ungefragt Familienfotos geschickt oder die eigenen Kinder in die Beratungssituation miteinbezogen werden. Das Gegenteil ist der Fall! Unsere Kinder haben Persönlichkeitsrechte, deren Wahrung uns sehr wichtig ist. Es gab schon Situationen, in denen Ratsuchende enttäuscht waren, bei der Beratung kein Kind mit Down-Syndrom angetroffen zu haben. Unsere Kinder sind aber keine „Schau-Objekte“, die vorgeführt oder gar instrumentalisiert werden.
Ebenfalls häufig gehört haben wir, dass Ärzt:innen nur Schwangeren / Paaren das Angebot einer Peer-Beratung nahelegen, bei denen sie sich recht sicher sind, dass sich die Schwangere / das Paar für eine Fortsetzung der Schwangerschaft entscheiden wird. Ärzt:innen begründen dies damit, dass sie die Beratenden schützen wollen. Diese paternalistische Haltung kritisieren wir entschieden. Wer nicht bereit ist, jede individuelle Entscheidung zu akzeptieren, sollte unserer Auffassung nach keine Peer-Beratung nach auffälligem pränatalem Befund anbieten!